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  • Silke

Weiblich, alleinerziehend, chronisch krank (Teil 1)

Warum mich nach 9 Monaten Corona-Pandemie selbst Kleinigkeiten auf die Palme bringen, wie die Behörden alles tun, um keine Unterstützung zu zahlen, und was das über unsere Gesellschaft aussagt.


Es war Anfang April. Ich hatte es gerade mit Mühe nach Deutschland zurück geschafft. Meine Wohnung, die ich normalerweise mit mindestens 3 weiteren Menschen teilte, war leer.

Eine Mitbewohnerin war nach fast 5 Jahren Zusammenlebens zu ihrem neuen Freund gezogen. Zwei junge Studentinnen hatten Ende März wegen der Corona-Pandemie von Panik erfüllt ihre Koffer gepackt und waren in Flugzeugen nach China und nach Kanada geflohen.


Bloß weg, nicht allein in der Fremde, sondern zu Hause mit der Familie. Ich konnte es Ihnen nicht verübeln.


Auch ich war gerade über Lissabon von den Azoren nach Hause gekommen. Ich wollte nicht mitten im Atlantik festsitzen - meine Eltern und mein Sohn zu Hause, mit einer ungewissen Zukunft.

"Im Jahr 2020 sollte alles besser werden!"

Ich war voller Hoffnung in das Jahr 2020 gestartet, hatte Geld in Renovierungen des Hauses gesteckt, das eine oder andere neu gekauft, damit die möblierten Zimmer noch gemütlicher würden. Zimmer, die ich in meiner Wohnung seit 2014 vermiete.


Es war ein großes Opfer, meinen Freiraum mit anderen zu teilen, vor allem mit Mitte 40. Aber es hatte mir auch viel Freude gebracht. Viele meiner ehemaligen Mieter wurden Freunde. Ich durfte bei einer meiner ersten Mitbewohnerin Trauzeugin sein. Eine Auszeichnung und ein wirklich schönes Gefühl.

Vor allem aber konnte ich mit den Vermietungen mein Haus als Zuhause für meine hochbetagten Eltern und meinen Sohn halten.


Die Rente, die ich nach einer Falschbehandlung während meiner Schwangerschaft erhalte, ist alles andere als üppig. 2012 lag diese noch unter Euro 500,-, jetzt liegt sie darüber, und ich bin glücklich über jede Rentenerhöhung.


Wahrscheinlich würden die meisten verzweifeln. Aber ich nicht. Ich behielt so gut es geht die Nerven. Nicht immer, aber ich gab mein Bestes, hielt die Zügel weiter in der Hand und baute mir ein Einkommen mit Zimmerbuchungen über Airbnb und Booking als Bed & Breakfast, aber auch mit Langzeitvermietungen der Zimmer auf.


Im Jahr 2020 sollte alles besser werden. Nach meiner 15. und letzten OP 2018 begann ich meine chronischen Schmerzen und Probleme mit einem Kurzdarmsyndrom in den Griff zu bekommen. Jetzt war die Zeit gekommen, nicht mehr nur eine Kranke zu sein, eine Mutter, die die meiste Zeit vor Schmerzen im Bett liegen und immer wieder als Notfall ins Krankenhaus musste. Nein, jetzt wollte ich mehr! Ich wollte wieder etwas vom Leben.


Zwei Projekte hatte ich mir vorgenommen: ein Filmprojekt, von dem ich schon lange träumte, und ein Training aufbauen, mit dem andere von meinen Erfahrungen mit Krisen profitieren könnten.


Ich hatte die Zeit auf den Azoren schon lange geplant. Ich wollte raus aus der normalen Umgebung, Zeit nur für mich haben, für meine Gedanken und Pläne. Geld war zur Seite gelegt, die Unterkunft war wunderschön und netterweise auch bezahlbar. Perfekt!


Dann kam am 15.März der Lockdown in fast ganz Europa. Auch meine Flüge zurück auf das Festland wurden gestrichen, Zahlungen bekam man von den Fluggesellschaften nicht zurück. Also musste ich von meinem Ersparten nehmen, Flüge komplett neu buchen, die auch wieder abgesagt wurden. Das Geld war erst einmal weg.

"Dann kam am 15.März der Lockdown."

Ich war im technischen Vertrieb über Asien bis nach Australien gekommen. Reisen ist für mich wie ein Spaziergang um den Block. Ich weiß auch mit Notsituationen umzugehen. Als ich endlich einen Flug von den Azoren nach Lissabon bestätigt bekam, buchte ich nach Frankfurt Business-Klasse, um ja auch weiter nach Deutschland zu kommen.


Und ich behielt recht, der Flug war überbucht, aber ich kam mit. Zu Hause angekommen war ich erleichtert. Ich war nicht im Ausland gestrandet so wie viele andere Reisende. Die Bundesregierung schnürte gerade ein Rettungspaket, und ich ging davon aus, dass ich Hilfe bekäme.


Ich verbrachte die Tage im April mit Recherche oder im Garten. Das Frühjahr begann, und mein Garten ist groß. Ich hatte eine neue Mieterin, eine positive Sache, aber das Geld von einer Miete reichte nun mal nicht.


Als nächstes wurden die Universitäten geschlossen. Die Studenten blieben in ihrer Heimat und bei mir standen immer noch 4 Zimmer frei.

Mein Sohn ging nicht mehr zur Schule, wie alle anderen Kinder auch. Für uns war es sehr wichtig, dass somit ein Ansteckungsrisiko minimiert wurde. Meine Eltern und ich stehen unter einem hohem Risiko, bei einer Ansteckung einen schweren Verlauf der Covid 19-Erkrankung zu haben.


Ich setzte mich nun daran und füllte Anträge aus. Schrieb meinen Banken, dass ich die von der Regierung bestimmte Drei-Monats-Stundung beantragte. Es funktionierte bei beiden Banken nicht.


Der April wurde nicht erstattet, obwohl die Banken es gemusst hätten. Und beide stundeten mir nur die Tilgung der Darlehen für mein Haus. Die Zinsen wurden auf den Kreditbetrag aufgerechnet. Das war nicht rechtens, aber was sollte ich machen?


Ungefähr 20 E-Mails hatte ich geschrieben und Stunden an Recherche zugebracht. Wer am längeren Hebel saß, war schnell klar.


Die Anträge an die verschiedenen Behörden schickte ich im Mai raus. Ich hatte ja noch 2 Mietzahlungen der abgereisten Studentinnen im April erhalten.


Am wichtigsten ist, wann ein Antrag eingeht. Das wußte ich bereits, also schickte ich erst einmal nur das Deckblatt und die letzte Seite mit der Unterschrift, damit die Uhr tickte. Dann ging es ans Eingemachte. Einfacher Antrag? Nun, nicht wirklich.


Einen Antrag auf das Soforthilfeprogramm des Hessischen Staatsministerium für Wirtschaft. Zur Sicherheit noch "ein vereinfachter Antrag auf Hilfen zur Sicherung des Lebensunterhaltes", falls das mit der Wirtschaftshilfe nichts würde.


Ich sicherte mich ab, da ich die deutschen Behörden bereits kannte. Meinen Rentenantrag hatte ich 2012 nur durch einen Eilantrag beim Sozialgericht durchbekommen. Erfahrung ließ mich ruhig bleiben.


Es dauerte Tage, bis ich alle geforderten Belege herausgesucht und die Anträge fertig ausgefüllt hatte.


Und weil ich gerade so im Schwung war, sandte ich endlich nach Jahren auch den Antrag auf Feststellung der Behinderung. Ich hatte das immer auf die lange Bank geschoben, weil ich eigentlich nicht als "behindert" abgestempelt werden wollte. "Alleinerziehend" und "depressiv" reichte mir bereits.


Oh, da fällt mir gerade ein Beitrag der Süddeutschen Zeitung in den Sozialen Medien ein, der die sechste und letzte Daseinsform in ihrem Heft im Sommer dieses Jahres außer Acht lässt: Frau mit Kind ohne Mann - und krank.


Ja, ich weiß, man will es nicht glauben und hält es für einen Scherz, aber ich verspreche, ich werde hierzu in diesem Blog noch mehr schreiben!


Ein Beispiel gefällig? Als ich im Februar die Familienkasse in Kassel anrief und um Beratung und Erklärung bat, warum mir kein Kinderzuschlag gezahlt wird, den ich im Herbst beantragt hatte, wurde ich am Telefon als anmaßend und asozial bezeichnet.

Im Grunde hatte ich nur freundlich nachgefragt. Ich war auch nicht wirklich über die Aussage überrascht. Ich weiß mittlerweile, wie Behördenmitarbeiter mit Menschen reden, die Gelder und Hilfen beantragen.


Am 18.Mai erhielt ich dann den ersten Ablehnungsbescheid. Er kam vom Regierungspräsidium aus Kassel, über das das Soforthilfsprogramm des Landes abwickelt wird.


Es lägen bei mir nicht "die Förderberechtigung gemäß Ziffer 2.3 und 2.4 der vorbezeichneten Richtlinie" vor. Ich ging die gesamte Richtlinie im Internet durch.


Fortsetzung...

Fortsetzung erscheint bald:

Weiblich, alleinerziehend, chronisch krank (Teil 2) -


"...Aber für ein solches Vorgehen braucht es ein Solidaritätsgefühl in Behörden und Gerichten, Verantwortung und eine große Portion Empathie.


Doch die Staatsbediensteten sind wie abgeschnitten von dem Rest der Gesellschaft. Sie beäugen, beurteilen und verurteilen uns, als wären wir nicht alle Menschen und gleichberechtigte Bürger dieses Landes."

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